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Rituale Zum Überleben Eines Weihnachtsmarktes

Antworten im Thema: 0 » Der letzte Beitrag (29. November 2011, 15:54) ist von Pitt.

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Pitt

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Dienstag, 29. November 2011, 15:54

Rituale Zum Überleben Eines Weihnachtsmarktes

1. Glühwein bestellen

Ein Glühwein bestellen geht schon mal gar nicht. Damit sagt man, dass man ’ne knickrige Sau ist, keine

Freunde hat oder Antialkoholiker ist, quasi das Allerletzte. Also immer mindestens zehn Stück bestellen.

Nie vorher abzählen, wie viele Leute um einen herum stehen und dann genau die Anzahl bestellen!

Einfach irgendeine Zahl über die Theke grölen.

Ganz falsch: Die Umstehenden fragen, ob sie überhaupt noch ein Glühwein haben wollen.

Wichtige Regel: Gefragt wird nicht – saufen ist schließlich kein Spaß.



2. Großzügigkeit zeigen

Wenn der Stoff da ist, nicht blöd rumgucken und überlegen, wem man denn eins in die Hand drücken

soll. Am besten die Tassen wild in der Umgebung verteilen, denn nur so zeigt man seine Großzügigkeit.

Nur der kleinkarierte Pisser stellt sich da an.



3. Bezahlen und Nachbestellen

Wer zahlt wann welche Runde? In der Regel kommt jeder der Reihe nach dran. Ganz miese Wichser

saufen die ersten neun Runden an der Theke mit und wenn sie an der Reihe wären, müssen sie

plötzlich pissen. Der erste Besteller bestimmt die Dauer des Projekts: Wenn er zwölf Glühwein bestellt,

müssen alle solange warten, bis zwölf Runden durch sind. Wichtig ist, dass der Strom nie abreißt.

Also: Wenn alle noch die Hälfte im Glas haben, sofort die nächste Runde ordern und das neue Glas in

die Hand drücken. Was voll peinlich ist: Mit zwei Tassen in der Hand an der Theke stehen. Deshalb ist

Tempo angesagt beim reinschütten, ist schließlich kein Kindergeburtstag.



4. Beschleuniger

Richtig fiese Schweine bestellen zwischendurch noch ’ne Runde Korn oder die absolute Hölle "Meyers

Bitter", eine Art grünes Schlangengift, das mit dem Eiter von toten Fröschen verfeinert wurde. Hier wird's

ernst. Sollte sich so was andeuten, kann man bloß noch die Flucht ergreifen.

Merke: Glühweinsaufen auf dem Weihnachtsmarkt kann man mit etwas Planung und Glück überleben;

nach Meyers Bitter aber weigert sich sogar der Notarzt, diese Schweinerei wiederzubeleben.



5. Pausen

Konsequent durchgezogen, bist Du normalerweise auf’m Platz um halb Neun stramm wie die

Kesselflicker. Um diese Zeit kannst du allerdings noch nicht nach Hause, wegen Verdacht auf Weichei.

Was also dann? Pause machen!

Dafür sind in der Regel zwei Sachen vorgesehen:

a) Bratwurstfressen

Vorteil: An der Bude gibt’s kein Meyers Bitter, da bist Du also ’ne zeitlang sicher vor der

Alkoholvergiftung. Nun sind aber die Bratwurststände auf Weihnachtsmärkten immer so konzipiert, dass

die Nachfrage immer größer ist als das Angebot. In der Bude arbeiten auch meistens Fachkräfte, denen

man beim Grillen die Schuhe besohlen kann. Einzige Qualifikation: Sie können mit einem

Sauerstoffanteil in der Luft von unter 1% überleben. Deswegen wirken sie auch so scheintot.

Nun sagt der Laie: "Was für’n Scheiß, das könnte man doch viel besser organisieren.

Zackzack kämen die Riemen übern Tresen." Falsch, die mickrigen Bratwurstbuden mit den Untoten am

Grill sind absichtlich so konstruiert. Hier kann man Asyl beantragen von der Sauferei und je länger man

auf die Fettpeitsche warten muss, desto größer die Überlebenschance.

b) Tanzen

Im Vergleich zu Bratwurstfressen natürlich die schlechtere Alternative, weil anstrengend und mit Frauen.

Aber irgendwann geht halt kein Riemen mehr rein in den Pansen und Du musst in den sauren Apfel

beißen. Also zack, einen Rochen von den Bänken gerissen und irgendwie bescheuerte Bewegungen

machen. Wenn Du Glück hast, spielt die Kapelle mehr als zwei Stücke und Du kannst Dir ein paar

Glühwein aus den Rippen schwitzen. Hast Du Pech, kommt sofort nach dem ersten Stück der

Thekenmarsch und Du stehst wieder da, von wo Du gerade geflohen bist.



6. Sektbar

Eine richtig gruselige Bude, quasi die Abferkelbox auf’m Weihnachtsmarkt. Hier ist es so voll und so eng,

hier bleibst Du auch noch stehen, wenn’s eigentlich nicht mehr geht. Doch der Preis, den Du für die

Stehhilfe zahlst ist hoch: Du musst Sekt aus mickrigen Blumenvasen saufen. Ziemlich eklig alles.

Wenn’s keine Sektbar gibt, gibt’s meist ’ne Cocktailbar: Cocktail heißt aber nicht Caipirinha

oder Margherita sondern Hütchen oder Wodka-O. Also vorsichtig: Hier kann’s ganz

schnell zu Ende gehen.



7. Kotzen

Bevor Du endlich nach Hause darfst, kommt noch ein ganz wichtiger Punkt, nämlich das Kotzen. Klingt

zwar scheiße, du wirst aber dankbar sein, wenn Dein Körper Dir dieses Geschenk bereitet. Du hast Platz

für neue Bratwürste und vielleicht sogar Glück, dass Du die letzten zwanzig Glühwein noch erwischst,

bevor sie Dein Gehirn erreicht haben. Der Profi jedenfalls kotzt oft und gern.



8. Die Letzten

So jetzt wären wir auch schon bald beim Nachhause gehen. Haha. Wenn Du aber den Zeitpunkt

verpasst hast, und Du kommst vom Pissen oder Bratwurstkotzen wieder an die Theke und es sind bloß

noch zwanzig Mann übrig, dann Ätsch: Arschkarte gezogen.

Ab jetzt geht es um so spannende Sachen wie Fass-Aussaufen (es ist immer mehr drin, als man denkt)

oder Absacker trinken. Wenn’s ein Meyers Bitter ist, kannst Du Dir gleich den Umweg über den Notarzt

sparen und den Bestatter anrufen. Jeder passt jetzt auf, dass keiner heimlich abhaut. Die ersten sacken

einfach so vor der Theke zusammen, damit sie jedenfalls nicht noch mehr saufen müssen.

Vorteil dieser Phase des Weihnachtsmarkts:

Du musst nicht mehr extra zur Toilette latschen für Pissen und Kotzen: geht jetzt alles vor Ort.



9. Nach Hause gehen

Fällt aus. Mach Dir keine Illusionen: alleine schaffst Du´s nicht mehr. Taxis gibt’s nicht in der Nähe, und

wenn, würden sie Dich bestimmt nicht mitnehmen. Deine Frau kommt nicht, um Dich zu holen, die ist

froh, dass dieses Wrack nicht in der Wohnung liegt und der Gestank in die Polstermöbel und Gardinen

zieht. Was bleibt ist...



10. Der Morgen danach

Du wirst wach von einem Zungenkuss, wie Du ihn noch nie in Deinem ganzen Leben gekriegt hast.

Leidenschaftlich küsst Du zurück. Dann machst Du Deine verklebten Augen auf und blickst in das

fröhliche Gesicht des zottigen Köters von dem Glühweinfritzen. Und mit einem eigenen Beitrag zum

Thema Würfelhusten fängt der Tag wieder an. Dein Kopf fühlt sich an wie nach einem Steckschuss.



Jetzt hilft nur noch: Stütz-Glühwein bis die Maschine wieder halbwegs normal läuft.

Beitrag kopiert von Oz aus dem Traumzauberschaum. Danke Dir dafür.
:thumbup:


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